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Wenn man sich die Frage stellt warum das Saxophon heute noch den Status eines Musikinstruments der Jazz, -Pop, -Rock, -Tanz, -Blas, -und Militärmusik hat, dann muß man sich die Informationspolitik und die Aufklärung über das Saxophon ansehen wie sie, von der Entstehung des Instruments bis zur weltweiten Verbreitung, betrieben wurde. Denn sie weißt erhebliche Lücken auf. Das Instrument wird, wenn man von den Ländern außerhalb Frankreichs aus geht, vom Publikum und den Komponisten sowie den Kritikern so angenommen wie es erscheint, ohne dabei eine kritische Frage warum das Saxophon in der Jazzmusik klanglich entsprechend gespielt wird, nach der Grundidee für dieses Instrument, nach seiner Herkunft und seinem ursprünglich gedachten Einsatz zu stellen. In diesem Bericht soll dieser Teil der Geschichte des Saxophons genauer beleuchtet werden, um die Antwort auf die Frage näher zu bringen warum das Saxophon immer noch nicht seinen Platz als vollwertiges Instrument in der Konzert, - Kammer, - und Orchestermusik bekommen hat.
Im November des Jahres 1843, zwei Jahre nach dem Adolph Sax seinen Prototypen, das Baßsaxophon, gebaut hatte und fast eineinhalb Jahre nach dem mehrere Pariser Journalen ausführliche Würdigungen über das neue Sax Instrument geschrieben hatten, erschien mit großer Verspätung in der AMZ folgender Hinweis (Zitat aus “Die Saxophone” Seite 137):
“Der Instrumentenmacher Sax in Paris hat ein neues Instrument erfunden und “Saxophone” genannt. Es ist von Kupfer, gegen 8 Fuß lang, kegelförmig, hat 19 Klappen (einige bedecken Löcher von 2 Zoll Durchmesser) und ein Mundstück dem der Klarinette ähnlich. Der Umfang ist drei Oktaven. Der Ton ist sonor und kräftig, zart und edel und sehr leicht ansprechend.”
Die wichtige Frage ist hier zu stellen, ob bei einer derartig beiläufigen Nachricht, über ein neu erfundenes Musikinstrument, in einer Musikzeitung, ein deutscher Komponist wie z.B. Johannes Brahms, der zur gleichen Zeit lebte, ein großes Interesse für das Saxophon bekommen hätte. Bekannt ist das Johannes Brahms nicht ein Werk für oder mit Saxophon geschrieben hat. Der Grund dafür liegt wohl darin, daß die Informationen über das Saxophon so sehr klein, nichtig und ungenau waren, daß sie in ihrer Bedeutung keinen großen Wert hatten gelesen zu werden. Denn ein Komponist der für ein neues Musikinstrument Werke komponieren will, interessieret sich nicht dafür welche Länge, welche Form, welche Menge an Klappen und was für ein Mundstück es hat sondern in welcher Form es klanglich eingesetzt werden kann, welche technischen und klanglichen Möglichkeiten und Neuerungen es hat, wie groß seine Ausdrucksstärke ist und in welcher Form es zum Einsatz kommen soll.
Interessant ist daß, das Saxophon in Frankreich, obwohl die Informationen hierzu sehr umfangreich waren und die Komponisten, die das Saxophon in ihren Orchesterwerken einsetzten, von dem Instrument begeistert waren, keinen festen Platz im Sinfonieorchester bekam. Die Bemühungen von Adolph Sax die Orchesterdirektoren davon zu überzeugen das
Saxophon im Sinfonieorchester aufzunehmen, um damit den Orchesterklang zu kultivieren scheiterten. Es wäre sehr wichtig gewesen daß Sax nicht nur sprachlich hätte überzeugen wollen, sondern auch praktisch. Denn eine praktische Darstellung der klanglichen Möglichkeiten des Saxophons im sinfonischen Orchester, mit einem Sinfonieorchester mit herkömmlicher Besetzung als Vergleich, hätte erst überzeugt. Eine genaue Vorstellung wie hervorragend das neue Instrument sich in den Sinfonieorchesterklang einbinden läßt war nicht vorhanden. Eine praktische Überzeugung wurde von ihm am 22. April 1845 auf dem Champ de Mars in Paris durchgeführt. Hierbei handelte es sich um einen Wettstreit zwischen einer Militärkapelle mit, bis dahin, herkömmlicher Besetzung und einer mit Instrumenten von Adolph Sax. Aus diesem Vergleich ging Sax als Sieger hervor. Ein entsprechender Vergleich zwischen zwei Sinfonieorchestern, mit und ohne Saxinstrumentarium, fand bis in die heutige Zeit nicht statt. Ein wesentlicher Faktor der den gesamten Geschichtsverlauf des Saxophons bis in die heutige Zeit bestimmt hat. Adolph Sax hatte die Saxophonfamilie in zwei Gruppen mit vier
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verschiedenen Stimmungen gebaut. Die eine Gruppe in den Stimmungen C und F und die andere in ES und B. Wobei er die Saxophongruppe in C und F für die Besetzung im Sinfonieorchester vorsah und die Saxophone in ES und B für die damaligen Militärorchester. Durch seinen Sieg auf dem Champ de Mars wurden seine Instrumente in ES und B, wie vorgesehen, innerhalb kurzer Zeit in den Militärorchestern als Standardbesetzung eingesetzt. Sie setzten sich in allen weiteren Blasorchestern durch bis hin zur Besetzung im späteren Jazzorchester. Dagegen versanken die Saxophone in C und F Stimmung schon bald in der Bedeutungslosigkeit.
Auch wenn seit der Erfindung des Saxophons 166 Jahre vergangen sind besteht die Möglichkeit einen entsprechenden Vergleich mit zwei Sinfonieorchestern noch immer zu veranstalten. Sein Ergebnis würde in der Geschichte des Saxophons wie in der Musikgeschichte eine Revolution hervorrufen. Alle Fragen um das Thema warum das Saxophon seinen Eingang in das sinfonische Orchester nicht geschafft hat wären beantwortet. Die Zeit dafür ist schon lange gekommen.
In Deutschland erwies sich eine Notiz über die Pariser Industrieausstellung von 1844, in der Beilage zu No.61 der Leipziger Illustrierten Zeitung, vom gleichen Jahr, als besonders verhängnisvoll. Darin hieß es (Zitat aus “die Saxophone” Seite 137):” Schließlich dürfen die Erfindungen Sax`, die er bei seinen Blaseinstrumenten angebracht hat, nicht übergangen werden; indeß sind wir offen gesprochen, außer Stande, in die Einzelheiten dieser wunderbaren und neugeschaffenen Instrumente einzugehen. Damit jedoch unsere musikalischen Leser sich einigen Begriff davon zumachen vermögen, geben wir einige Instrumente in Zeichnung, nämlich die Saxophone, die Saxtromba und das Cylinderhorn.” Da, laut Bericht des Buches
“Die Saxophone”, die erwähnten Zeichnungen sehr grobschlächtig gewesen und ganz andere Instrumente als die Saxophone dargestellt haben sollen kann wegen der Irrtümer hier auf eine Beschreibung verzichtet werden. Sie führten dazu daß Wilhelm Wieprecht, Director der gesammten Musikchöre des Garde Corps, in ihnen die Ehre deutscher Blasventilerfinder und das Ansehen eigener Schöpfungen geschmälert sah und in der BMZ vom 19. Juli 1845 eine herausfordernde Protestdarstellung veröffentlichte mit dem Titel:”Der Instrumentenmacher Sax in Paris als Erfinder”. Wieprecht glaubte nämlich große Ähnlichkeiten sehen zu können zwischen dem neu erfundenen Saxophon und der Baßtuba . Zwischen Wilhelm Wieprecht und Adolph Sax kam es im August 1845 in Koblenz zu einer persönlichen Begegnung bei der wohl
nicht alle Mißverständnisse geklärt werden konnten. Denn Wieprechts Vorstellungen vom Saxophon blieben weiterhin verschwommen. Adolph Sax führte, bei seinem Aufenthalt in Koblenz, auch keines mit sich. Aber nach seiner Schilderung, so Wieprecht, ist es ein messingenes Baßinstrument, welches mit einem Klarinettenschnabel geblasen wird. Es wird wohl das Bathyphon sein “von Messing mit etwaiger Modifikation des Muttertones so wie des Klappenwerkes”. In der AMZ, vom April 1846, konnte man lesen:”Dr. Kastner sah sich wegen der allgemeinen Aufnahme, die das Saxophon fand, veranlaßt , eine Methode über den Gebrauch dieses Instrumentes zu schreiben , die Troupenas in Verlag genommen hat.”
(aus “Die Saxophone”) Im August 1846 hielt sich Sax in Aachen auf. Am 27.08.1846 brachte die Stadt-Aachner-Zeitung für ihre musikalisch interessierten Leser eine Art Sondermeldung über den “berühmten Pariser Akustiker und Erfinder musikalischer Instrumente” heraus. Darin steht:”Sax ist ein geborner Belgier und verdankt seine theoretisch-musikalische Bildung dem Brüsseler Konservatoir, die praktische aber seinem Vater , in dessen Werkstatt er zeitig mit dem
Mechanismus der Instrumente bekannt worden ist. Sein erfinderischer Geist begnügte sich nicht
damit, eine große Anzahl von Instrumenten zu verbessern, sondern er erdachte ganz neue Systeme, deren Anwendung in Paris so großes Aufsehen erregte , daß das Französische Kriegsministerium sie für die gesamte Armee angenommen hat. Sie haben, wie alles Neue, natürlich auch Opposition gefunden, aber ein öffentlicher Wettstreit, der im vorigen Jahre auf
dem Mars- Felde in Paris zwischen dem Saxischen Orchester und denen der alten Militär- Musik Statt fand , entschied ein für allemal für die neue Erfindung.- Die Familie der Saxophons repräsentiert sämmtliche Stimmlagen und enthält daher den Saxophon-Bourdon , den Konterbaß, Baß, Tenor, Kontrealt und Sopran ... Es ist wahrscheinlich und wünschenswerth , daß das neue System auch in anderen Ländern als in Frankreich angenommen werde. Dort beginnt mit seiner Einführung eine neue Aera für die Militär- Musik, die früher so mangelhaft beschaffen war, daß sie der unsrigen bedeutend nachstand. Übrigens ist Herr Sax, abgesehen von seinem erfinderischen Talente , ein in jeder Hinsicht ausgezeichneter Musiker und spielt mehrere Instrumente mit entschiedener Virtuosität.”
Es bleibt unklar ob Adolph Sax, bei seinem Deutschland Aufenthalt, noch weitere deutsche Städte besuchte. Denn am 13.September 1846 berichtete nämlich die RGMP in ihrer Ausgabe:
“Adolph Sax ist in Brüssel angekommen. Er kehrte aus Deutschland zurück, wo er gebeten worden war, die Militärmusik des preußischen Königs ähnlich zu reformieren wie er es in Frankreich tat.”
Doch schon vor seiner Reise nach Deutschland hatte Sax ein ‘offenes Sendschreiben an Herrn Wieprecht, Generalmusicdirector der preußischen Militärmusik’ verfaßt. Es wurde in der AMZ 16.09.1846 und in der BMZ vom 17.10.1846 abgedruckt. Adolph Sax zeigte sich in ihm darüber befremdet, daß Wieprecht seit dem Treffen in Koblenz seine Irrtümer, die das Saxophon betrafen, welches er für eine Tuba gehalten hatte, noch nicht wiederrufen hatte. Unter anderem stellte er in dem mehrseitigen Schreiben die Unterschiede zwischen einer Tuba und dem Saxophon heraus. Wilhelm Wieprecht bekannte in seiner Erwiderung vom 17. Oktober 1846 in der BMZ , daß er noch kein Saxophon gesehen habe, er aber nach Sax neuen Mitteilungen davon ausgehen müsse, daß das Saxophon wohl eher identisch sei mit seinem Bathyphon. Somit war die erste Fehleinschätzung des Saxophons in Deutschland festgeschrieben. Eine für Musiker und Komponisten kaum zugängliche Informationsquelle über neue Musikinstrumente waren im 19. Jahrhundert die Berichte der Industrie- und Weltausstellungen.Wollten sich dennoch genannte Kulturschaffende deutscher Sprache über technische Neuerungen und kunst- und kulturförderliche Erfindungen ein klares Bild machen mußten Sie
auf Berichte zurück greifen die eher feuilletonistisch geartet waren. So klang ein Bericht nach der Londoner Weltausstellung von 1851:”(Adolph Sax) ist auf den Gedanken verfallen , Messing-Horninstrumente anstatt des Kesselmundstücks mittels eines Klarinettenmundschnabels anblasen zulassen. Dadurch hat er namentlich für die tieferen Oktaven Baßinstrumente geschaffen, die in Bezug auf die Schönheit des Tones bei der markigsten Tonfülle alles übertreffen, was in Hinsicht auf diese Klangfarbe gebaut worden ist . . . Er hat diese Instrumente auch wieder mit einem noch klingenderen Namen als Saxhorn getauft. Sie heißen nämlich Saxophone und bilden , wie die Saxhörner, eine ganze Familie aus sechs Gliedern bestehend. Die hervorragendsten sind: Baß-, Tenor-, Alt- und Diskant-Saxophon . . . Daß dem Instrumentalisten dadurch neue reizende Kombinationen und Instrumentaleffecte zu Gebote stehen, läßt sich leicht einsehen.”
Und so nach der Weltausstellung 1851 in Paris:”Unter den zur der Holzblasinstrumente gehörigen Exponaten von Adolph Sax verdienen seine Saxophone das meiste Interesse . . .Es sind dies mehr Solo- als Orchester-Instrumente. Ihre Bauart gleicht dem Discant einer Oboe, und dem Aussehen nach einer Tabakpfeife. Der Ton soll sehr schön und vom leisesten Pianissimo bis in ein ziemlich starkes Fortissimo anzuschwellen sein , und seine Farbe in der oberen Lage dem Oboen -, in der mittleren dem Clarinetten- und in der unteren Lage dem Fagotttone ähneln . . . Die vielen Klappen und der starke Zulauf der Dimension, wodurch ein unsicherer und schwebender Ton bewirkt wird, mögen wohl hinsichtlich des praktischen Gebrauches und der reinen Stimmung manche Schwierigkeit darbieten, und darin die Ursache
liegen, daß diese schon seit ungefähr fünfzehn Jahren erfundenen Instrumente bis jetzt noch so wenig Verbreitung erlangt haben.”
Über die neu erfundenen Musikinstrumente auf den Weltausstellungen in London 1862 und Paris 1867 erschienen auch sehr ausführliche, deutschsprachige Berichte aus der Hand von dem bekannten Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick. Die Situation der Saxophone beschrieb er 1862 so:”. . . Die Trefflichkeit der Sax`schen Instrumente, die Kühnheit in Erfindung neuer Formen, die Großartigkeit des Fabrikbetriebes haben diese Firma längst zur berühmtesten ihres
Faches gestempelt; . . . Daß Sax in der Erfindung neuer Blasinstrumente mitunter etwas äußerlich vorgeht, zuerst die neue Form und dann den Zweck des Instrumentes ins Auge fassend, kann man sich nicht verhehlen. Dieß kann jedoch die anerkannte Trefflichkeit insbesonders der ‘Saxophons’ nicht beeinträchtigen, die in Ton und Form wirklich originell, noch von niemand erreicht worden sind. Es waren deren eine große Zahl, für Discant, Alt, Tenor, Baß und Contrabaß, sämmtlich ganz aus Metall verfertigt, ausgestellt. Bekanntlich ist A. Sax nicht bloß der erste Verfertiger, sondern zugleich der größte Virtuose auf diesem Instrumente. - In Deutschland ist dies Instrument noch wenig bekannt , und selbst von gebildeteren Musikern hört man es leider oft mit dem Saxhorn verwechseln. Der Ton des Saxophons ist sanft, weich, mehr zu melancholischem als zu heiterem Ausdruck, mehr zum Gesang als zur Bravour geeignet. Das Saxophon gehört zur Familie der Clarinette, indem ein gegen den Schnabel vibrierendes Rohrblatt auch hier den Ton erzeugt; die acustischen Verhältnisse sind freilich ganz verschieden.”
Im Jahre 1867 hatte sich die Situation der Verbreitung der Saxophone kaum verbessert. Eduard Hanslick konstatierte daß diese Instrumente außerhalb Frankreichs immer noch so gut wie unbekannt seien. Daß sie sogar selbst in Frankreich, wo die Saxophone gesetzlich vorgeschrieben sind, es nicht geschafft haben in einem einzigen Theater- oder Kammerorchester
Fuß zu fassen. Sie würden wohl überflüssig bleiben bis ein großer Komponist kommen würde und sie in seinen Partituren einsetzen würde.
Eine Information in “Schuberths Musikalischem Konversationslexicon” 10. Auflage, Leipzig 1877, Seite 401(Quelle:”Die Saxophone”) brachte wenig neues:”Diese Instrumente haben einen wunderschönen Ton mit melancholischer Tonfarbe. Der starke Conus trägt Schuld an der Nichtverbreitung dieser Instrumente, da dadurch die Skala sehr unsicher und die Intonation schwer ist. Nur vorzügliche Bläser richten mit dem Saxophon etwas aus und bringen es in der Musik zur Geltung. Bei der Wiener Elitenkapelle hat man im Jahre 1873 die Saxophone eingeführt und dem bekannten Übel bei Seite gelegt.” Die frühesten Anwendungsimpulse regten sich in Deutschland im Bereich der Militärmusik in den achtziger Jahren. In der Zfl vom 21. April 1886 erklärt der Wilhelm Wieprecht- Biograph A. Kalkbrenner seine Bereitschaft zur Einführung der Saxophone aufgrund der größeren Abwechslung im Klangcharakter und einer viel vollkommeneren Harmonie. Er stellt die Frage:”Wer stellt mir einen Satz Saxophone gratis zur Verfügung?” 1887 erscheint die Instrumentationslehre von Gevaert in der deutschen Übersetzung von H. Riemann die wenigstens eine achtseitige Darstellung der Saxophone enthält. Um das Jahr 1890 waren Saxophone im 1.Badischen Leibgrenadierregiment zu Karlruhe im Einsatz, welches seit 1871 unter der Leitung von Adolf Böttge stand, einem Schüler von Wieprecht. Ein Pionier in geschriebenen Worten für die Verbreitung der Saxophone war der damals in Eupen bei Aachen lebende Gymnasialprofessor Wilhelm Altenburg (1835-1914). Als er seinen ersten Aufsatz, mit dem Titel “Zur Kenntnis der Saxophone”, in der Zfl vom 21. August 1889 veröffentlichte ging er von folgender berechtigter Annahme aus (Quelle “Die Saxophone”Seite139):”Es werden nur wenige deutsche Musiker die
Saxophone im Auslande näher kennengelernt haben. An eine Einführung dieser Instrumente in Deutschland ist vorerst wohl kaum zu denken.” In seinem Aufsatz werden ferner noch die Saxophonschulen von Beeckmann, Klose und Mayeur erwähnt.
Durch den sehr niedrigen Bekanntheitsgrad der Saxophone in Deutschland und dem damit verbundenen geringen Einsatz z.B. im Militärorchester kam es zu Absatzproblemen bei den Herstellern die Saxophone bauten, so daß sie sich dazu entschlossen nur in sehr kleinen Stückzahlen diese Instrumente herzustellen. Die aufkommende Nachfrage aus dem Ausland nach Saxophonen, kurz nach der Jahrhundertwende, veranlaßte dann aber auch deutsche Blasinstrumentenhersteller Saxophone zu bauen. Wilhelm Altenburg besuchte im Jahre 1902 die Firma Oscar Adler & Co in Markneukirchen wo ständig für den Bau von Saxophonen vier Arbeiter angestellt waren. Davon waren drei als Klappenverfertiger und einer als Hauptstückmacher, der für die Herstellung der unmontierten Klangkörper verantwortlich war, tätig.1907 waren bei der Firma Adler 20 Arbeiter in dieser Abteilung angestellt.
Im Jahre 1903 kommt es in Deutschland zum ersten Einsatz der Saxophone im Sinfonieorchester. Durch die Beschäftigung mit der Instrumentationslehre von Hector Berlioz fühlte sich Richard Strauß dazu angeregt die Saxophone in seinen Kompositionen auch einmal vorzusehen. So entstand sein Werk “Sinfonia Domestica”. Ein Werk in dem Strauß ein Saxophonquartett mit Sopransaxophon in C, Altsaxophon in F, Tenorsaxophon in C und Baßsaxophon in C vorsah. Das Quartett spielt in der “Sinfonia Domestica” nur eine kleine Rolle. Es wurde gelegentlich angezweifelt ob Richard Strauß mit diesem Werk einen förderlichen Beitrag zur Verbreitung der Saxophone leistete. Durchaus sollte man sich hier die Frage stellen ob diese Anzweifelung wirklich durch den sehr geringen Einsatz des Saxophonquartetts zustande gekommen ist, denn eigentlich kommt es nicht darauf an wie oft ein Saxophon oder ein Saxophonquartett in einem Orchesterwerk zum klingen gebracht wird, sondern wie das oder die Instrumente ihrer Aufgabe als “ Klangzusammenführer”im Orchester, als der sie auch erfunden worden waren, in diesem Werk gerecht wurden. Andererseits läßt die im Jahre 1903 in Berlin veranstaltete und wegen fehlender geeigneter Saxophonisten mißlungene Uraufführung der Sinfonia Domestica kein gutes Wort an diesem Werk. Sie ist ein Grund mit dafür das es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland nicht gelang die Saxophone im Sinfonieorchester als Standardinstrumente einzuführen. Auch der Komponist Gustav Bumcke hatte nach diesem Problem keine Möglichkeit die Öffentlichkeit davon zu überzeugen die Saxophone im Sinfonieorchester zu besetzen. Ein weiterer Grund ist der Einsatz des Instruments in der Jazz-und Tanzmusik, die mit Beginn der zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts kurz nach Ende des ersten Weltkrieges in Deutschland aufkommt, bei dem zum ersten Mal akustische Veränderungen am Mundstück sowie an der Form der Bohrung des Saxophons vorgenommen werden. Sie werden durchgeführt, um das Instrument besser in den neuen, formlosen Jazzklang einzugliedern. Der jetzt erzeugte Klang ließ keinen Menschen mehr daran glauben daß, das Saxophon auch in der Sinfonie,- Kammer- und Konzertmusik eingesetzt werden kann. Die Erfindung von Adolphe Sax wurde dadurch zum Saxophonähnlichen Instrument umfunktioniert. Bis heute baut, mit Ausnahme der Firma Buescher Band Instruments in Elkhart (USA), keine Saxophonbauende Firma mehr Saxophone nach den Maßstäben Adolphe Sax die eine paraboloide, konische Bohrung des Saxophonkorpusses sowie eine Ausarbeitung des Mundstückes mit weiter, bauchiger Kammer und enger Bahnöffnung aufweist. Da kein Hersteller bis heute diese Änderung zurückgenommen hat und sich in der Öffentlichkeit die Meinung festgesetzt hat das Saxophon sei ein Instrument der Militär,- Jazz,- Pop,- Rock- und Schlagermusik, hat das Saxophon seinen Status als Instrument der sinfonischen Musik verloren. Lassen wir als berühmtesten Zeitzeugen der zwanziger Jahre den Komponisten Hans Pfitzner zu Wort kommen, um das damalige Ansehen des Jazz, unter das auch das Saxophon fiel, zu verdeutlichen:”Das Antideutsche, in welcher Form es auch auftritt, als Atonalität, Internationalität, Amerikanismus, deutscher Pazifismus, berennt unsere Existenz, unsere Kultur von allen Seiten und mit ihr die europäische. Jazzwelt bedeutet die Niedrigkeit, die Aharmonik, den Wahnsinn gegenüber hoher Kunstmusik.” Der Klang des Saxophons wurde als Pervers abgewertet. Als Stimme gegen die Abwertung des Saxophonklanges sagte Rosenkaimer 1928, daß es ungerecht sei die eigene Animosität gegen die Jazzmusik auch auf das Saxophon zu übertragen das ja seit langem das charakteristische Jazzblasinstrument ist. Er bedauerte die sehr
vereinzelte Verwendung des Saxophons in modernen Partituren der Kunstmusik und fragte um wieviel aparte Wirkungen berauben sich dadurch die modernen Komponisten? Im Jahre 1929 brachte der Verlag Hofmeister in Leipzig von Victor Thiels, Solosaxophonist an der Pariser Oper, die “Große Saxophonschule” heraus. In dem 276 Seiten umfassenden Werk waren zwei Seiten dem Saxophon in der Jazzband gewidmet. Der angehende Saxophonist sollte damit lernen sein Saxophonspiel abwechslungsreich und humorvoll zu gestalten. Ihm sollten schließlich verblüffende Klangeffekte gelingen. Wie z.B. die Nachahmung von Tier,-und Menschenstimmen, Lachen und Weinen, Autohupen sowie Katzenjammern und Hundegebell. Der niederländische Komponist Jaap Kool brachte im Jahre 1931 seine Monographie des Saxophons heraus. Dieses Werk war Jahrzehntelang die einzige Informationsquelle über das Saxophon in deutscher Sprache. Es brachte aber keinen Wandel in der zwiespältigen Ansicht über das Saxophon. Wollten die einen das Instrument erheben zum Konzertinstrument, zögerten die anderen nicht es als musikalische Verelendung und Untergang des Abendlandes nieder zumachen und abzuwerten. Auch die in Amerika immer wieder vorkommende Anwendung des Saxophons in der Kirche wurde als Gotteslästerung angesehen. Der Berliner Komponist Edmund von Borck setzte sich unter dem Titel “Bläser heraus” in der Allgemeinen Musikzeitung, Berlin, vom 12. Februar 1932 sehr für die Verwendung der Saxophone ein. Er nahm Bezug auf die Pionierarbeit von Paul Hindemith, würdigte die anregenden Impulse des Jazz und schrieb weiter:” Das Saxophon beginnt nun erst seinen eigentlichen Siegeszug, und zwar auch in der modernen, seriösen Opern- und Konzertmusik. Nur langsam wagt man sich an dieses eigenartige, in der Klangfarbe höchst individuelle Instrument heran . . . Der Ausdrucksvolle Gesang des Tenorsaxophons in der Schmiedewerkstattszene aus Hindemiths “Cardillac” ist erstes, reinstes Aufleuchten dieses eigenartigen Klanges. Es läßt sich unschwer erkennen, welche Bedeutung in Zukunft die Verwendung eines oder mehrerer Saxophone in der ernsten Kunstmusik gewinnen kann . . .Was instrumentatorisch betrachtet, für den musikalischen Romantiker des 19. Jahrhunderts der weiche Klang Streichkörpers bedeutete, ist
für den Menschen der Gegenwart die glasklare Fülle der Blasinstrumente.” Es dauerte nur wenige Wochen da erschien in der gleichen Zeitung am 29. April 1932 aus dem Federhalter von Arnold Weiß-Rüthel ein “Traktat über das Saxophon”32. Es soll nun folgender Auszug genügen:”. . .Der klangliche Charakter des Saxophons ist voll und ganz der einer heillos verlogenen Seele ; einer Seele, die . . . unablässig bestrebt ist, aus der Synthese von Spekulationsgier und Menschlichkeit eine religiöse und sittliche Tugend zu machen.- Das moralisierende, in Momenten der Sehnsucht nach metaphysischen Valeurs in saccharinsüßen, vom Unterton prinzipieller Entrüstung grundierten Lyrismen sich Ausheulende, das Geblök sitzengebliebener und mithin der Ehereform ergebener Jungfrauen, das Genörgel näselnder prayer-man . . .vermag das Saxophon mit einer für Hellhörige geradezu ekelerregenden Naturtreue zu offenbaren. Erwarten wir . . .einen Fortschritt von jener Seite, die das Saxophon zur Expression ihres Charakters benützt, so vollzieht sich der Untergang des Abendlandes nicht so ehrenhaft , wie Oswald Spengler vermutet, sondern zum mindesten so bizarr wie der Tod jenes Komödianten, der nicht glaubte sterben zu können, ohne sich vorher noch einmal geschminkt und mit einer Pappdeckelkrone in die Situation eines dahinscheidenden Königs versetzt zu haben.” Nach dieser Veröffentlichung bekamen viele Musiker Angst das Saxophon weiterhin zu benutzen. Es gab manch abenteuerliche Verfahren die Instrumente vor den eifernden Blicken der nach Rassereinheit kontrollierenden Späher zu verstecken. Manche Musiker gaben ihre Saxophone, unter anderem, als besonders geformte Metallklarinetten aus. Auch der Absatz der Saxophon herstellenden Firmen in Deutschland, wie z.B. bei der Firma Julius Keilwerth in Graslitz, G. H. Müller in Schöneck/Vogtland und Oscar Adler & Co. in Marktneukirchen, brach ein und brachte sie in ernsthafte Schwierigkeiten so das sogar das Reichswirtschaftsministerium etwas zur Ehrenrettung der Saxophone unternehmen mußte. So kam das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda zu dem Schluß,”daß man auch mit dem Saxophon wie mit allen anderen gebräuchlichen Instrumenten gute Musik machen könnte. Es ist von allen Blasinstrumenten dasjenige, welches am vollkommensten den Ausdruck beherrscht.” Die Saxophone waren also wieder rehabilitiert. Jedoch nur für gute Musik und das war die gute deutsche Tanzmusik. In einem Gelegenheitsbeitrag wandte sich Alban Voigt nochmals gegen den landläufigen Glauben das Saxophon sei eine speziell entwickelte Gaukler-
maschine und 1937 erschien sogar eine 30 Seiten starke “Jazz-Saxophon-Schule”von Gebhard/Manz bei Zimmermann in Leipzig. Die noch nicht sehr lang zurückliegende Vergangenheit kam sehr kurz noch in einem Beitrag über Tanzmusik von Wilhelm Stauder auf. Dort war die Rede vom Verfall der deutschen Tanzmusik durch den Jazz, von gleitender und heulender Tongebung, von stark sinnlicher Klangwirkung, fratzenhaftem Klangcharakter, Taumelrythmus und totsynkopierter Musik. Er zog über die Zersetzungserscheinungen des Jazz her, um dann aber ein viel höher gestimmtes Loblied auf die gute deutsche Tanzmusik anzustimmen. Gerade für die deutsche Tanzmusik sei das so oft aus Unkenntnis angefeindete Instrument sehr geeignet, da es zwischen Streichern und Blech steht und zu guter ausdrucksvoller Melodiegebung sehr befähigt ist wie auch die rythmische Präzision der Bläser besitzt. Im Jahre 1940 wurde im Musikkorps der Deutschen Luftwaffe ein Saxophonsatz unter Professor Husadel eingeführt, bestehend aus einem Sopran-, zwei Alt-, einem Tenor- und einem
Baritonsaxophon.
Wir befinden uns im zweiten Weltkrieg. Einhundert Jahre sind seit der ersten Bekanntgabe
der Saxophone in Deutschland vergangen. Die Saxophone sind jetzt Instrumente mit eingeschränktem Einsatz. Außer in der “guten deutschen Tanzmusik”, dem musikalisch geduldeten Jazz, der schneidigen Musik des Militärkorps haben sie Anerkennung aber nicht in dem Bereich für den sie einst geschaffen wurden, für die sinfonische-, Konzert- und Kammermusik.
An dieser Stelle sollte man an alle “klassischen” Saxophonisten denken die mit ihrer Pionierarbeit am Saxophon in Deutschland, sowie in Frankreich und in den Skandinavischen Ländern dafür gesorgt haben daß eine gewaltige Anzahl an Literatur für Saxophon vorhanden ist, daß in der heutigen Zeit, wie nie zuvor, sehr viele neue “klassische Saxophonisten/innen an den Konservatorien in Deutschland und in anderen Ländern ausgebildet werden und daß, das
Saxophon trotz seines Schattendaseins, in der klassischen Musik, in Deutschland salonfähig gemacht wurde.